Kimiko Ishizaka „Johann Sebastian Bach – Goldberg Variations“

Klassik – Künstlerisch durchdachte, exzellente umgesetzte Aufnahme.

Kimiko Ishizaka: J. S. Bach - Goldberg VariationsMusik findet im 21. Jahrhundert neue Vertriebswege und hat, neben zahlreichen unbestrittenen Risiken, auch neue Chancen, wenn man sie denn nutzen weiß und sein Publikum findet. Crowdfunding, d.h. das Sammeln von Geld für ein bestimmtes Projekt vor der eigentlichen Realisierung ist eine Methode, mit der immer mehr außergewöhnliche Produktionen abseits des Mainstreams realisiert werden. Die Idee klingt spannend: Man kalkuliert seinen Finanzrahmen für das Projekt und sammelt dann das Geld bei spendierfreudigen Fans ein, die dafür nicht nur das Endprodukt, sondern noch ein paar Extras erhalten (vom Bonustrack bis zum privaten Wohnzimmerkonzert wird alles mögliche angeboten, je nach Umfang der Spende, versteht sich). Ist der Finanzbedarf einmal durch Spenden gedeckt, kann man ohne großes wirtschaftliches Risiko seine Idee umsetzen.

Was wie ein wenig realistisches Konzept klingt, hat durchaus Erfolg: So hat die größte Crowdfunding-Platform Kickstarter nicht weniger als 36 Mio. US-Dollar (rund 28,5 Mio. Euro) in den letzten 4 Jahren in musikalische Projekte gepumpt, davon entfielen immerhin 1,5 Mio. Dollar auf Projekte mit klassischer Musik (die nur einen Anteil von 4% der Projekte ausmachten).

So gesehen ist es also kein Wunder, dass das Open Goldbergs Projekt ein voller Erfolg wurde. Offensichtlich gab es genügend Spender, die bereit waren, sich mit einer Spende an der Public-Domain-Ausgabe (Noten und Aufnahme) der legendären Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach (1685-1750) zu beteiligen. Der finanzielle Erfolg des Projektes sagt allerdings nichts über den künstlerischen Wert der Aufnahme von Kimiko Ishizaka aus. Kostenlose Aufnahmen der Goldbergs gab es im Netz schon zuvor…

Im Falle der vorliegenden Einspielung von Kimiko Ishizaka handelt es sich aber nicht nur um eine kostenlose, sondern auch um eine künstlerisch äußerst gelungene Einspielung. Wer lediglich die Fassung von Glenn Gould kennt, der wird sich erst einmal bei dieser Einspielung wundern: Kimiko Ishizaka nimmt sich gemeinhin deutlich mehr Zeit als Gould. Während Gould den kontrapunktischen Aufbau als Ganzes darstellen wollte (und, bei allem Respekt, auch seinen spielerischen Manierismus), betont sie die feinen, kanonisch aufgebauten Verästelungen innerhalb der einzelnen Sätze. Ihr Spiel ist sauber und wirkt selbst in den schnellen Passagen nicht überhastet. Insgesamt hat man den Eindruck, dass sie sehr viel Sorgfalt in jede einzelne Variation gelegt hat. Ich würde sogar so weit gehen, es eine sehr barocke Einspielung (im Sinne historischer Aufführungspraxis) zu nennen: Obwohl sie auf einem modernen Konzertflügel (und nicht auf einem Cembalo) eingespielt wurde, vermeidet Kimiko Ishizaka Modernismen und interpretatorische Freiheiten.

Der Klang der Aufnahme ist übrigens schlichtweg fantastisch und geht weit über das Niveau hinaus, das man von kostenlosen Aufnahmen üblicherweise kennt, im Gegenteil: Der klare, saubere und warme Sound der Aufnahme kann sich mit so manch kommerzieller Aufnahme messen. Da die Open Goldbergs auch in verlustfreien Audioformaten (FLAC, WAV) vorliegen, muss man auch keine audiophilen Klangeinbußen durch Audiokomprimierung fürchten.

Fazit: Kimikos Ishizakas Einspielung ist nicht nur kostenlos, es ist auch eine künstlerisch durchdachte, exzellente umgesetzte Aufnahme der Goldberg-Variationen. Natürlich gibt es im kommerziellen Sektor starke Konkurrenz, auch und gerade auf dem Klavier (die beiden Aufnahmen von Glenn Gould von 1955 und 1981 habe ich ja schon oben erwähnt, die Aufnahmen von Angela Hewitt (2000) und András Schiff (2003) werden ebenfalls gerne als Referenzaufnahmen genannt), aber diese kostenlose Public-Domain-Aufnahme ist ein sehr guter Anfang, um in die wunderbare Welt der Goldberg-Variationen einzusteigen. Wer die Goldberg-Variationen bereits in der einen oder anderen Aufnahme kennt/besitzt, sollte sich dennoch diese exzellente, sorgfältige Aufnahme nicht entgehen lassen.

Wer etwas altmodisch ist und immer noch lieber CDs im Regal stehen hat (als Downloads auf der Festplatte), der kann auch seit einigen Wochen eine schön aufgemachte Doppel-CD-Version bestellen.

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Johann Sebastian Bach / Glenn Gould „The 1955 Goldberg Variations – Birth Of A Legend“ – Unerreichbare Kulteinspielung in luxuriöser Ausstattung

 

2 comments for “Kimiko Ishizaka „Johann Sebastian Bach – Goldberg Variations“

  1. Lothar
    12. Januar 2013 at 01:27

    Ewig war ich nicht in einem Konzert und nun erfreut Dein Vortrag Goldbergs Variationen mein Herz. Ich bedanke mich sehr bei Dir.

    • Sal Pichireddu
      12. Januar 2013 at 10:16

      Der Kommentar geht nicht an Kimiko, sondern an den Schallplattenmann (der diese Besprechung veröffentlicht hat), aber ich leite es weiter =)

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