Boy George „This Is What I Do“

Gut gemachter weißer Soul und Reggae.

Die Antwort auf die Frage, was genau eigentlich Boy George,  Paradiesvogel der britischen Musikszene der Achtziger, die letzten Jahre so getrieben hat, fällt unterschiedlich aus. Die Musikpresse reagierte mit Desinteresse, während die englischen Boulevardzeitungen genüsslich Skandale und Skandälchen um George breit traten. Nach 18-jähriger Abwesenheit schien es George O´Dowd und seinen langjährigen Weggefährten wohl geboten, wieder einmal ein musikalisches Lebenszeichen zu veröffentlichen. Um es vorweg zu nehmen: Boy George ist ein hörenswertes Album gelungen.

Viel Reggae, einige behutsame Adaptionen neuerer Dancemusic und natürlich der bekannte Schunkel- und Schmusesound aus Culture Club-Zeiten. Den ersten Titel, „King of Everything“, kann man durchaus als nachdenkliches Bekenntnis nehmen:  »Put down the Booze. Let the Demons win the Fight (…) Have I lost my Crown or will I be King of Everything?«, singt er. Hörbar gereift ist auch seine Stimme, die weitaus weniger geschmeidig und sanft klingt als noch zu Zeiten des ‚Kulturvereins‘. Denn schon im nächsten Song „“Bigger than War““, der mit unnachahmlichem Groove die tröstliche (und etwas simple) Botschaft transportiert, dass der böse Krieg gegen die mächtige Kraft der Liebe keine Chance habe (schön wär’s!) zeigt sich, dass Georges Stimme stellenweise ihre liebe Mühe hat, Melodie und Rhythmus zu halten. Wahrscheinlich unterstützen ihn deshalb so viele Sängerinnen und Sänger, darunter Kitty Durham (von Kitty, Daisy & Lewis) oder »heavy Friends« wie Yoko Ono (sic!). Die meisten Songs verleiten unmittelbar zum Fußwippen und verbreiten gute Laune, auch wenn manchem das etwas zu ‚Old School‘ oder ‚Achtziger-Jahre-mäßig‘ vorkommen mag.

Bei aller Innenschau, die vor religiösen Inhalten nicht halten macht (»My God is bigger than your God«), behalten George und seine Crew natürlich den Markt im Auge und liefern das ab, was man von ihm erwartet. Auch wenn George nicht vom Boy zum Mann wird auf „This Is What I Do“: Bei aller Vergangenheitsbewältigung wie in den Zeilen, in denen das lyrische Ich dem Vater vorhält, zu wenig Liebe empfangen zu haben als Kind („Live your life“), wird aus George kein Schmerzensmann. Text und Musik bilden streckenweise einen reizvollen Kontrast, denn Melodie und Rhythmus sind tief im Reggae oder weißen Soul verhaftet, während der Sänger eher nachdenkliche Gedanken besingt.

Gegen Ende des Albums sind die düsteren textlichen Stimmungen dann auch längst vertrieben. George nimmt sich darauf merklich zurück und überlässt anderen beinahe das Mikro, wodurch das Ganze eine Art Session-Charakter bekommt. Fazit: Nette Musik mit nachdenklichen Momenten, die geeignet ist, denn Winter endgültig zu vertreiben.

(Cover: Revolver Promotion)