Orquesta Buena Vista Social Club, 28.4.2015, Seelax, Bregenz (A)

Papi_Oviedo-1579»Den Alfred Böhm«, sagt meine Mutter gelegentlich, wenn sie sich an alte Zeiten erinnert, »den hätte man in seinem Alter nicht mehr im Fernsehen auftreten lassen dürfen. Und den Heesters auch nicht, die waren ja schon peinlich.« Andererseits habe ich vor Jahren den von seiner Krankheit gezeichneten Muhammed Ali gesehen – und war von seiner Präsenz beeindruckt. Omara Portuondo, die letzte Überlebende der alten Garde des Buena Vista Social Club (Eliades Ochoa ist zwar mittlerweile auch 69, aber als jüngster der ursprünglichen Truppe immerhin noch 16 Jahre jünger als seine singende Kollegin) liegt irgendwo dazwischen. Ohne Hilfe schafft es die 85-jährige nicht mehr auf die Bühne und Tanzschritte kann sie gerade noch andeuten. Aber wenn sie ihre Stimme in den mittleren Lagen erhebt, dann erlebt man auch heute noch ausdrucksstarke Momente.

Auch wenn mit Manuel ‚Guajiro‘ Mirabal und Barbarito Torres noch zwei Mitglieder aus der Frühzeit des Buena Vista Social Club dabei sind, ist Omara Portuondo das unbestrittene Zugpferd der Gruppe. Das Publikum muss einige Stücke lang auf ihr Set warten und wird während dieser Zeit gediegen unterhalten – mit Ausreißern nach oben, wenn etwa der auch schon betagte Papi Oviedo zu einem Tres-Solo ansetzt. Wie auch der junge Jazzpianist Rolando Luna zeigt der Oldie, dass die Musik der alten kubanischen Orchester stark vom Jazz beeinflusst war und mehr als einlullende Unterhaltung bot. Immer wieder erinnern digitale Bilderschauen an die verstorbenen Mitglieder, an Größen wie Ibrahim Ferrer, Compay Segundo, Rubén González und Orlando ‚Cachaíto‘ López, an die kaum einer der Musiker heranreicht, die hier auf der Bühne stehen – oder vielleicht nicht heranreichen darf.

Omara Portuondo, die schon in den fünfziger Jahren mit Nat King Cole durch die USA tourte, wird vor allem für ihr Lebenswerk gefeiert und dafür, dass sie überhaupt noch da ist. Obwohl sie die hohen Töne ohne Anlauf nur noch schwer erreicht, bedankt sie sich für die ’standing ovations‘ mit charaktervollen Interpretationen. Und sie beweist mit zwei ruhigen Stücken, zu denen sie nur von Rolando Luna begleitet wird, dass sie dafür trotz der körperlichen Gebrechlichkeit nicht die Stütze eines Duettpartners benötigt und kein opulentes Orchester, das ihre Schwächen übertüncht.

Dass die Adios-Tour mit ihrem Abschied von der Bühne zusammenhängt, ist kein Zufall. Die alte Garde gibt es nicht mehr und auch keinen Anlass, die Musik auf die gleiche Art weiterzupflegen, die bei ihrer Entdeckung in den 90er-Jahren eine verstorbene Zeit heraufbeschwor. Es ist sicher wichtig, dass sie der Buena Vista Social Club hat wiederaufleben lassen und damit junge Musiker zur Auseinandersetzung mit dem Erbe angeregt hat. Jetzt sollen sie die Flamme auf ihre Weise in die Zukunft tragen.

Nächste Konzerte: 2.5. Ludwigsburg, 1.7. München, 2.7. Straubing, 8.7. Mainz, 10.7. Hamburg

Bisherige Rezensionen zum Buena Vista Social Club und zu Omara Portuondo auf schallplattenmann.de

Offizielle Homepage des Orquesta Buena Vista Social Club

(Foto: TheNoise)