Mick Harvey Delirium Tremens

MickHarvey_DeliriumTremens_PackshotDicht am Original: Serge Gainsbourgh-Cover-Album, dritter Akt.

Mick Harvey, der australische Gitarrist und Weggefährte von Düstermann Nick Cave, legt sein seit 1985 drittes Album mit Kompositionen des französischen Sängers Serge Gainsbourgh vor. Was reizt einen wie Harvey an diesen Titeln? Zunächst vermutlich der Gegensatz zum Rockgenre. Harvey merkt an, dass in seiner australischen Heimat seinerzeit selbst amerikanische Musik schwer zu bekommen war; französische Neo-Chansons von Serge Gainsbourgh vermutlich noch viel mehr. Bekannt waren dort nur, ähnlich wie in Deutschland, der Song „Je t’aime“, das Duett mit seiner damaligen Lebensgefährtin Jane Birkin. Jenes Opus fehlte seinerzeit bei keiner Pubertierenden-Party, wenn sich nach Mitternacht die Paare fanden und verschmolzen. Bekanntlich hat Serge Gainsbourgh viel mehr Musik gemacht. Diese fand jedoch außerhalb der französischen Landesgrenzen nur wenig Interesse.

Bei „Delirium Tremens“ handelt es sich um ein Liebhaberwerk, was bei Harvey nicht kritiklose Hingabe, sondern kongeniale Neuinterpretation bedeutet. „SS C’est Bon“, von Gainsbourgh ursprünglich als Provakation gegen jene Landsleute gedacht, die dem Vichy-Regime von Hitlers Gnaden und der späteren deutschen Besatzung durchaus positive Züge abgewinnen konnten, kommt hier als Mischung aus Bad-Seeds-Krach und schwarzem, zynischen jüdischen Humor daher, garniert mit Elementen der deutschen Nationalhymne. Harvey hat sich die Mühe gemacht und die französischen Texte allesamt ins Englische übersetzt, wobei er an den Übersetzungen teils schon seit den Achtziger-Jahren feilte. Wie bei seinen ersten Alben mit Gainsbourghs Songs, „Intoxicated Man“ und „Pink Elephants“ wurden bereits 2014 als Doppelpack wiederveröffentlicht, interpretiert Mick Harvey Titel aus den verschiedenen Schaffensperioden des Chansonniers. Das erwähnte „SS C’est Bon“ entstammt dem skandalträchtigen Album „Rock around the Bunker“ von 1975, „Coffee Colour“, dagegen, eine Hommage an Mädchen mit dunklem Teint, aus den frühen Sechzigern. Gainsbourgh zog als Musiker und Sänger alle Register, während Mr. Harvey die Songs in beinahe stoischem Ton herunterbrummt. Das macht er aber so, dass es schon wieder Spass macht. Musikalisch erlaubt der Mann sich ebenfalls kaum Extravaganzen, sondern bleibt dicht beim Original. Hin und wieder bearbeitet Mick Harvey die Songs und lässt auch mal teutonische Rhythmik á la Rammstein einfliessen. Die Duette jedoch – unter anderem mit Gattin Katy Beale („The Decadance“) – wirken fast, als ob die Ehrfurcht die Oberhand behält. Dies führt dazu, daß an den Neuinterpretationen nur der wirklich Spass hat, dem Gainsbourgh und seine Musik gefallen. Noch mehr Spass hat vermutlich der, welcher die Originale kennt und vergleichen kann. Das Album ist dennoch keine elitäre Sache für Eingeweihte, sondern bietet die Gelegenheit, das Werk des kontroversen französischen Dandys und Musikers zu entdecken. Harvey und seine Band machen ihre Sache dabei überwiegend recht gut. Anders als der übermäßige Genuß von zuviel Alkohol hat „Delirium Tremens“ praktisch keine schädlichen Nebenwirkungen – ausser einigen Momenten gepflegter Langeweile.

(Cover: Mute Records)