Diagrams „Dorothy“

Kann in andere Sphären tragen

Die Diagrams sind weniger eine richtige Band als vielmehr ein Projekt von Sam Genders. Jener ist wiederum seit Jahren in der englischen Musikszene mit obskuren Bands wie Tunng, The Accidental oder Throws aktiv. „Dorothy“ ist das dritte Album der Diagrams seit 2012. Entstanden ist es mit Hilfe von Crowdfunding und gefördert wurde es von Institutionen des britischen Kulturbetriebs. Genders war bislang in musikalischen Nischen unterwegs wie Electronic Folk oder Folktronic. „Dorothy“ bleibt diesem hybriden Genre treu, erweitert aber den Horizont durch die Zusammenarbeit mit Dorothy Trogden, einer neunzigjährigen amerikanischen (Hobby-)Dichterin und ehemaligen Architektin. Sie hat die Texte aller neun Titel des Mini-Albums (Spieldauer 29 Minuten) verfaßt. Deren Horizont reicht von „Everything“ über das „Motherboard“ bis zu „Under the Graphite Sky“. Der letztgenannte Text eröffnet das Album „Dorothy“ als Song und beschließt es als von Trogden rezitiertes Gedicht. Dorothy Trogdens Texte sind versponnene, verträumte Beobachtungen über Beziehungen, das Leben, die Wissenschaft oder den Wechsel der Jahreszeiten, die von Sam Genders und seinen Mitstreitern kongenial vertont werden. Text und Musik sind leicht entrückt und schaffen – trotz der Kürze des Albums – einen eigenen, nahezu vollständigen Kosmos, eine athmosphärische Parallelwelt, die verzaubert. Obwohl Genders Stimme in ihren Ausdrucksformen und Möglichkeiten limitiert ist, gereicht dies den kurzen Songs nicht zum Nachteil. „It’s only Light“ fängt ganz schlicht mit einer akustischen Gitarre und Genders Stimme an und wird dann behutsam mit Bläsern, Streichern und elektronische Effekte angereichert. Hinzu kommen eingefangene Geräusche aus der Umgebung von Orcas Island, Trogdens Wohnort in Washington State. Dies zeigt die Vielschichtigkeit der Produktion. Es entsteht dabei keine Soundcollage, sondern ein homogener Klang. Das Ergebnis ist wichtig, nicht die Zutaten. „I tell Myself“ erinnert zu Beginn ein wenig an die frühe Laurie Anderson, „Dorothy“ hingegen entfernt an englische Singer/Songwriter. Solche Reminiszenzen dauern aber nur Augenblicke, dann sind Genders und seine Mitstreiter wieder ganz bei sich. Ein Besuch dort lohnt.

(Cover: Rough Trade)