Bünger „Nie zu spät für eine glückliche Kindheit“

*Ein Album für gewisse Stunden*

Die Gemeinde Timmendorfer Strand in der Lübecker Bucht hatte in den Achtzigerjahren durchaus einen gewissen Einfluss auf die Hamburger Musikszene. So kam damals Schorsch Kamerun, seines Zeichens Sänger der Funpunker Die Goldenen Zitronen, zu erster öffentlicher Aufmerksamkeit. Auch Sven Bünger stammt aus jener Gegend und blickt nach eigenem Bekunden auf eine Jugend als Dorfpunk zurück. Das ist viele Jahre her. Kamerun ist heute anerkanntes Mitglied des etablierten Kunstbetriebs und Sven Bünger längst erfolgreicher Produzent in Hamburg, mit Klienten wie Johannes Oerding und Madsen.

Als Solokünstler ist Sven Bünger bislang nicht in Erscheinung getreten, was keineswegs verwundert. Denn Bünger reisst einen weder als Sänger noch als Gitarrist vom Stuhl. Seinen Sprechgesang muss man nicht mögen, seine deutschen Texte mit Titeln wie „Tut mir leid“, „Finde den Fehler“ oder „Ich brauche Nichts“ verströmen jedoch eine bisweilen leicht versoffene wirkende Lakonie, die von der knarzigen bluesrockigen Musik kongenial unterstützt wird.

Der Kern von Büngers Band, die gelegentlich von einem weiblichen Backgroundchor und Bläsern unterstützt wird, besteht aus einer zweiten Gitarre, Bass und Schlagzeug. Das klingt gut, wenn auch die Texte mitunter etwas deutschrockig sind oder wie aus der Zeit der Neuen Deutschen Welle wirken. Doch auch wenn Westernhagen und Co. grüßen lassen: Sven Bünger gibt dem Ganzen ein Update und eine eigene Note – so auch beim behutsam aufpolierten Trio-Cover „DaDaDa“. Freunde des deutschen Chansons wiederum kommen beim Titel „Verschwende“ auf ihre Kosten. Das seltsam unzeitgemäße „Maschinen“ hingegen erinnert an die Technikkritik einer zweitrangigen Neue-Deutsche-Welle-Band.

Wer dennoch zum Album „Nie zu spät für eine glückliche Kindheit“ greift, bekommt überwiegend Musik, die man gut live bei einem Bier in einem kleinen Club hören kann. Zu Hause kann man sie natürlich auch beim Bier hören, dann jedoch stellen sich rasch gewisse Abnutzungserscheinungen ein. Büngers stimmliche Möglichkeiten sind eben limitiert und sein nordischer Humor auch nicht jedermanns Sache. Aber eine Platte für gewisse Stunden ist „Nie zu spät für eine glückliche Kindheit“ trotzdem geworden.

(Cover: Chefrecords Ratekau)