Neil Young „Psychedelic Pill“

Neil Young „Psychedelic Pill“

Neil Young lässt sich zurücktreiben.

Warm und weich, rund und doch kraftvoll, bestimmt – Neil Young kultiviert wieder einmal den „Rust-Never-Sleeps“-Klang. Roh und dumpf grummelt das Feedback. Die mitunter ausufernd langen Stücke fließen wie ein mächtiger Fluss, der auf seiner Reise alles mitnimmt, was sich ihm in den Weg stellt. Das ist nicht immer ein reines Naturschauspiel, es gibt auch einige Kollateralschäden: Die Backing Vocals in „Walk Like A Giant“ klingen mitunter, als hätten Neil Young und seine verrückten Pferde zu viel Beach Boys gehört. Und die gepfiffene Passage im gleichen Stück wären in einem Pennäler-Film der 50er-Jahre nicht schlimmer ausgefallen. Doch wenn „Walk Like A Giant“ nach 14 Minuten schwerfällig zum Beinahe-Stillstand kommt, fast ausklingt, um sich dann doch noch einmal zum furiosen Ende aufzubäumen, ist man doch wieder versöhnt. Dass Neil Young dann eine Reprise des Mitstampf-Krachers „Psychedelic Pill“ hinterher schiebt, ist überraschend – und überraschend passend.

Neil Young greift zwar auch zur akustischen Gitarre, aber er bringt keine rein akustischen Songs. Seine Melodien sind wie gewohnt einfach, mitunter gar lieblich. Ein „Heart Of Gold“ fehlt allerdings ebenso wie ein „Pocahontas“, auf der ungestümen Seite vermisst man einen Song in der Qualität von „Hey Hey, My My (Into The Black)“. Es gibt also keine Nummern, in die man sich vom ersten Takt an verliebt, stattdessen immer wieder Eigenheiten, auf die er hätte verzichten können. Trotzdem sind es nicht nur die elegischen, wie verwurzelt wirkenden, erdigen Stücke „Walk Like A Giant“ und „Driftin Back“, die – trotz kleiner Irritationen – ihre Sogwirkung ausüben. Die mit knapp 17 Minuten Länge nicht eben kurze altersmilde Betrachtung einer auch durch Tiefschläge gewachsenen Beziehung „Ramada Inn“ oder seine Beobachtung, wie ihn im Alter seine Herkunft einholt (in „Born In Ontario“), haben eine lange Halbwertszeit. Da darf er zwischendurch gerne mal ein bisschen pfeifen.

Neil Young „Rust Never Sleeps“

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2 comments for “Neil Young „Psychedelic Pill“

  1. 28. November 2012 at 10:29

    Rock on, Schallplattenmann. Schön, dass es mit den würdigen Kritiken weitergeht.

  2. 1. Dezember 2012 at 20:58

    Dass es das in dieser Zeit noch mal gibt. Ein Rockalbum, das man einlegt und alle Termine des Tages sind passé. Man kommt nicht mehr los von diesem Werk. Neil Young musste zurückkommen aus seinem erfolgreich absolvierten Drogen- und Alkoholentzug, seine Männer von Crazy Horse um sich versammeln und uns zeigen, wie es geht.

    Schon der erste Song “Driftin’ Back” – das war noch nie da: ein Opener eines Rock-Album mit einer Spieldauer von über 27(!) Minuten. Und mit “Ramada Inn” (16:48 min.) und “Walk Like a Giant” (16:26 min.) folgen im Laufe des Albums noch zwei ähnliche Riemen. Und alle Songs dazwischen keineswegs nur Füllsel, sondern jeder für sich ein Kracher.

    Neil Young erfindet die Rockmusik nicht neu. Er macht das, was er kann – und das kann niemand so gut wie er. Über dem präzisen Spiel seine Crazy-Horse-Band mäandert er mit seiner E-Gitarre durch zerklüftete Folkrock-Landschaften. Ja, wenn es ein Verb gibt, dass dieses Album am besten beschreibt, dann ist es “mäandern”. Mäandernde Gitarrensoli sind für gewöhnlich Masturbationsakte, von denen außer dem Gitarrenspieler niemand etwas hat, nicht so bei Neil Young. Neil Young darf ruhig seine Gitarrensoli bis in alle Ewigkeit spielen. “Psychedelic Pill” ist das beste Neil-Young-Werk aller Zeiten. Für dieses Album wurde die Repeat-Funktion erfunden.

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