Aaron Neville „Apache“

Aaron Neville *Gutes Album, solide Unterhaltung, reifes Alterswerk*

Die Zeiten sind hart, die Welt ist ein grausamer Ort, manchmal. Von persönlichem Leid und auch mancher Freud‘ weiß der Blues zu berichten, doch so richtig warm ums Herz wird es dem Hörer zumeist erst bei klassischem Funk und Soul. Aaron Neville, der auch schon 75 Jahre alt und seit 56 Jahren musikalisch aktiv ist, denkt nicht an die Rente. Stattdessen legt er mit „Apache“ ein solides, ja gutes Album vor. Natürlich erfindet der Mann das Genre nicht neu. Wer das erwartet, wird bereits mit den ersten Takten von „Be your Man“ eines Besseren belehrt: Die Funk-Gitarre setzt trocken ein, das Piano begleitet und die Bläser bilden Akzente, bevor die unverwechselbare, samtweiche Stimme Nevilles anfängt und kurze Zeit darauf von einem Chorus unterstützt wird. So hätte eine Funkplatte auch 1972 beginnen können. Macht aber nichts, denn die alten Platten knistern arg, und so hat man das auch lange nicht mehr gehört. Und es gefällt.
Aaron Neville war seit 1966 und der Veröffentlichung seines Hits „Tell it like it is“ eher auf Balladen abonniert. Mit seinen Brüdern, den, richtig, Neville Brothers, erweiterte er das Spektrum durch Einflüsse von Cajun, Funk, R’n’B und Pop. Geboren in New Orleans, wie er uns im zweiten Titel „Stompin‘ Ground“ wissen lässt, und mit indianischem und kreolischem Blut in den Adern, ist der Mann natürlich mit allen musikalischen Wassern gewaschen. Doo-Wop-Reminszenzen fehlen ebensowenig („Sarah Ann“) wie Anleihen beim Soul der Sechziger in „All of the Above“. Diese Hymne an die Kraft und die Freuden der Liebe könnte auch von Solomon Burke oder ähnlich schwergewichtigen Kalibern stammen.
Das ganze Album ist fast wie ein bunter Katalog der schwarzen amerikanischen Musik der letzten fünfzig Jahre angelegt. Aber Neville ist vital, fit und hörbar gut bei Stimme. Das spielt den Komponisten in die Hände, versierten Profis, die einen guten Sänger mit guten Titeln versorgen. Da darf ruhig mal der Schunkel-Rhythmus ausgepackt werden („Heaven“), bevor es nach Art der Neville Brothers gehörig groovt („Hard to believe“). Die Zeiten sind hart, aber man muss halt weitermachen, so der Tenor dieses ‚Social Topic-Songs‘. Aber selbst Sozialkritik verpackt Aaron Neville mit seiner samtweichen Stimme so, dass die Füsse wippen. Noch besser geht „Ain’t gonna judge you“ in die Beine. Hier geht es darum, erst einmal vor der eigenen Türe zu kehren, bevor man über seinen Nächsten urteilt. Die Texte entstammen Nevilles Tagebuchskizzen, die er seit langem führt. Christliche Botschaften und dazu ein knochentrockener Sound: so amerikanisch wie der Musiker selbst. Dann wieder ein Schnulze Marke „Schatz, ich will dich doch nur lieb haben“ („I wanna love you“). So ist das amerikanische Show-Biz eben. Am Ende richtet der alte Hase, der Einiges gesehen hat, eindringliche Worte an junge Möchtegern-Gangsta, die im Grab landen, bevor sie das Leben richtig verstanden haben („Make your Mama cry“). Abschließend gibt es noch eine Prise Neville-Brothers-Sound mit Sprechgesang vom Meister. Gutes Album, solide Unterhaltung, reifes Alterswerk.

(Cover: Rough Trade)